Donnerstag, 12. März 2015

Warum Raubkopierer mich nicht beunruhigen

Bei diesem Post handelt es sich um ein leicht gekürztes Kapitel aus meinem neuen Buch Erfahrungen einer Indie-Autorin.

„Give people what they want.” —Kevin Spacey

Ich selbst habe mit Raubkopien meiner Bücher keine Erfahrungen. Unter anderem, weil es mich nicht interessiert, ob und wo es sie in welchem Ausmaß gibt. Denn erstens kann man nichts dagegen tun. Immer strengere Regeln funktionieren nicht, sie können aber viel kaputt machen und Indies richtig schaden (im Buch erkläre ich das an einem Beispiel, hier verlinke ich zu einem aktuelleren Fall). Zweitens spricht eine Menge dafür (s.u.), dass Raubkopien mir und meinen Finanzen nicht schaden.

Dieses Kapitel setzt sich aus Beispielen und Zitaten zusammen, die ich aufschlussreich finde und die meine Haltung in dieser Frage erklären. Ich habe diese Form für dieses Kapitel gewählt, weil ich zu diesen Themen zwar meine durch Studien und Ähnliches begründeten Ansichten habe, jedoch aus eigener Erfahrung wie gesagt nichts dazu beitragen kann.

In den Beispielen und Zitaten geht es ums Urheberrecht, Raubkopien und Ähnliches. Und zwar stammen sie erstens von Menschen, die mit ihren kreativen Leistungen ihren Lebensunterhalt verdienen, damit langjährige Erfahrung haben und davon gut bis sehr gut leben können. In einigen weiteren Zitaten geht es um Studien, die sich mit diesen Themen befassen. Schließlich schildere ich, wieder mit Hilfe von Zitaten, einige interessante Einzelfälle.


Zuerst die Künstler …


Drei berühmte Kreative, die wissen, wie man das Internet nutzt, und keine Angst haben, ihre Werke kostenlos abzugeben:

1. Paul McCartney streamte sein gesamtes Album Kisses on the Bottom kostenlos auf der Website des Guardian, bevor es herauskam.

Was wollen wir wetten, dass viele Leser des Guardian anschließend hingegangen sind und sich das Album gekauft haben? Sehr clever Sir James Paul McCartney.

2. Der Autor Neil Gaiman spricht bei Youtube darüber, wie sich seine Einstellung auf Grund seiner Erfahrungen geändert hat. Wer lieber liest, findet bei Techdirt eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Erkenntnisse. Zum Beispiel diese Feststellung Gaimans:
… places where I was being pirated — particularly Russia (where people were translating my stuff into Russian and spreading it out into the world) I was selling more and more books. People were discovering me through being pirated. And then they were going out and buying the real books, and when a new book would come out in Russia it would sell more and more copies.
Dann startete er ein Experiment, das Techdirt so beschreibt:
He then mentions that after a lot of persuading, he got his publisher to release a free digital copy of American Gods, and sales went up by 300%, even though it had already been selling quite well before that. … he explains how "piracy" is just a giant way of lending books, and points out that, when … he asks how many people in the audience found their favorite author because someone lent them a book vs. going into a book store and buying it … only 5 to 10% of people found their favorite authors first by buying the books. 
Gaimans Fazit:
What you're actually doing is advertising. You're reaching more people.
3. Da erstaunt es kaum noch, dass der Schriftsteller Paulo Coelho bei einer Promo-Aktion von Pirate Bay mitmachte. Warum, erklärte er in seinem Blog:
The Pirate Bay starts today a new and interesting system to promote arts
... As soon as I learned about it, I decided to participate... as I said in a previous post, My thoughts on SOPA, the physical sales of my books are growing since my readers post them in P2P sites.
… we have to tell to the industry that greed leads to nowhere.
Coelho, dieser alte „Pirat“ (so hat er selbst den Post unterschrieben).

Und in Deutschland? In dem Artikel Urheber im Dialog: "Das unzulängliche Recht nervt" meldet sich eine Musikerin zu Wort, und zwar Luci van Org. Sie nennt das Internet eine „Riesenchance zur Selbstvermarktung“ und bezeichnet YouTube als „für mich überlebenswichtiges Medium“. In dem Beitrag ist weiter zu lesen:
Sie stelle ihre Songs zur Eigenwerbung dort „ständig quasi illegal“ ins Netz, bis sie auf Betreiben der Musikverwertungsgesellschaft GEMA wieder für deutsche Nutzer aufgrund des laufenden Vergütungsstreits blockiert würden.
Generell ist van Org der Ansicht, dass ein Großteil der Nutzer zum Bezahlen kreativer Leistungen bereit ist, sobald ihnen ein entsprechendes Angebot gemacht wird.

 … dann die Zahlen


Musikindustrie. Die Website Techdirt veröffentlichte Zahlen über Menschen, die raubkopierte Musik herunterluden, streamten oder teilten, und kam zu dem Schluss:
treating "pirates" like criminals is a mistake. They're often either the best customers or the potential best customers if they were better served by the industry, which often means offering things more conveniently and at a lower price.
Dort gibt es übrigens auch eine interessante Grafik über den Zusammenhang zwischen E-Book-Preisen und der Kaufbereitschaft. Bei einem Preis von 2 britischen Pfund beträgt sie 78 %, bei 10 britischen Pfund sinkt sie auf 7 %.

Telemedicus berichtet von einer anderen Untersuchung: Studie: Filesharing schadet dem Plattenverkauf nicht.

Dazu fällt mir Folgendes ein: Die Band die ärzte stellt bei Youtube auch jede Menge Videos und Songs online. Offenbar verkauft sich ihre Musik trotzdem (oder deshalb?).

Filmindustrie. Gizmodo zitiert u. a. dies aus dem Bericht von Wissenschaftlern der London School of Economics:
Despite the Motion Picture Association of America‘s (MPAA) claim that online piracy is devastating the movie industry, Hollywood achieved record-breaking global box office revenues of $35 billion in 2012, a 6% increase over 2011 ...
Der Titel des Artikels spricht für sich: Report: Piracy Isn't Killing Content.

Eine neuere Studie untersuchte, wie sich die Schließung einer großen Plattform für illegale Downloads auswirkte: Piracy and Movie Revenues: Evidence from Megaupload: A Tale of the Long Tail?

Hier ein Zitat aus der Zusammenfassung:
We find that box office revenues of a majority of movies did not increase. While for a mid-range of movies the effect of the shutdown is even negative, only large blockbusters could benefit from the absence of Megaupload. We argue that this is due to social network effects, where online piracy acts as a mechanism to spread information about a good from consumers with low willingness to pay to consumers with high willingness to pay. This information-spreading effect of illegal downloads seems to be especially important for movies with smaller audiences.
Das heißt, die großen Blockbuster-Filme nehmen durch Piraterie anscheinend einen gewissen finanziellen Schaden. Auf die meisten Filme hat sie keinen Einfluss und bei kleineren beziehungsweise mid-range Filmen erhöhen Raubkopien möglicherweise sogar die Zuschauerzahlen.

Bücher. Auch (oder gerade) vor Einführung des Urheberrechts 1837 haben Goethe, Schiller und viele andere geschrieben und vom Schreiben gelebt. Im Spiegel gab es darüber und über die Analyse eines Wirtschaftshistorikers einen aufschlussreichen Artikel: Geschichte: Explosion des Wissens. Bitte selbst lesen, denn ich zitiere lieber nichts. Bei deutschen Zeitungen und Zeitschriften weiß man nie, ob die Rechtsabteilung nicht plötzlich mit irgendwelchen Forderungen um die Ecke kommt.

Eine Hamburger Studie kam zu dem Schluss, dass man mit gar nicht mal so großen Preissenkungen bei E-Books ihre legale Nachfrage erheblich erhöhen kann.

(Ergänzung vom 21.9.2017) Noch ne Studie: https://netzpolitik.org/2017/eu-kommission-versteckte-unbequeme-piraterie-studie-zwei-jahre-vor-der-oeffentlichkeit/

Interessante Einzelfälle


Der Artikel HBO: We Know You're Pirating 'Game Of Thrones' And That's Fine zitiert Time Warner CEO Jeff Bewkes so:
If you go around the world, I think you're right, Game of Thrones is the most pirated show in the world. Well, you know, that's better than an Emmy.
Er sagte außerdem:
Our experience is, it all leads to more penetration, more paying subs, more health for HBO, less reliance on having to do paid advertising — we don't do a whole lot of paid advertising on HBO, we let the programming and the views talk for us — it seems to be working.
Weiß Jeff Bewkes vielleicht nicht wovon er redet? Steht er allein da mit seiner Meinung? Nun, laut dem Artikel HBO: 'Game of Thrones' piracy is a compliment sieht HBO Programming President Michael Lombardo dies ähnlich. Er erklärte:
I probably shouldn‘t be saying this, but it is a compliment of sorts. The demand is there. And it certainly didn‘t negatively impact the DVD sales. [Piracy is] something that comes along with having a wildly successful show on a subscription network.
Ein „Kompliment“ und „keine negativen Auswirkungen auf die DVD-Verkäufe“? Wenn das für Game of Thrones gilt, warum sollten Raubkopien mich dann beunruhigen?

Soweit die Welt der Fernsehserien. Wie wäre es mit zwei Beispielen aus der Popmusik?

1. Erinnern Sie sich an den Harlem Shake? Darüber hat Martin Weigert auf der Website Netzwertig diesen lesenswerten Artikel geschrieben, dessen Titel die Kernaussage enthält: Wie ein tolerierter Urheberrechtsverstoß dem Urheber einen Geldsegen beschert. Und zwar so:
YouTube bietet Urhebern nämlich auch die Option, ihren Content in nicht autorisierten Werken durch eine Werbevermarktung zu monetarisieren.
Was sich für den Schöpfer des in unzähligen Videos mit Millionen von Zuschauern verwendeten Musikstücks bestens auszahlte. Zum Glück hatte er den Song nicht in Deutschland veröffentlicht, dann hätte die GEMA, so Weigert, diese Wertschöpfung vermutlich im Keime erstickt.

2. Noch ein Beispiel, warum es dumm ist, wegen Urheberrechtsverletzungen in Panik zu verfallen, nennt Kevin Smith, Director of the Office of Copyright and Scholarly Communication an der amerikanischen Duke University, in seinem lesenswerten Beitrag It seems simple, really:
Korean pop star Psy, whose “Gangnam Style” video is now the most watched YouTube video in history and who stands to make $8.1 million dollars from the fame that he has gained by not enforcing his copyright. Very few of us had probably heard of Psy before the Gangnam Style video became the subject of the many parodies and remakes that flooded YouTube, blogs, college campuses, etc. He took no action to prevent those “knock offs,” as many artists and production companies would have done. Instead, his fame grew to the point where he could license his song and his image for commercial uses at levels he could only have dreamed off if he enforced his copyright rigorously. In short, he found a way to monetize “piracy.”
All diese Beispiele zeigen, dass manchmal sogenannte Urheberrechtsverletzungen Kreativen Möglichkeiten eröffnen, an (mehr) Geld zu kommen. Wer hätte das gedacht? Es entspricht jedenfalls nicht dem, was unsere Intuition uns spontan einflüstert. Leider reagiert man aus dem Bauch heraus oft panisch.

Mein Fazit aus all dem ist ein zweifaches:

1. Es ist schlimmer, wenn niemand meine Bücher und mich kennt (obscurity) als wenn einige Menschen meine Texte raubkopieren oder diese Raubkopien lesen (piracy)*. Und will ich manchen Kreativen wie Coelho glauben, so ist piracy ein gutes Mittel gegen obscurity. Sprich Raubkopien können als Werbung funktionieren. Ich fördere das nicht, aber es regt mich auch nicht auf.

2. Ich versuche, potentiellen Lesern möglichst wenig Gründe zu geben, Raubkopien meiner Bücher zu lesen. Das heißt, ich achte darauf, dass meine Preise leserfreundlich sind und mache den Käufern meiner Bücher nicht das Leben mittels Kopierschutz-Software schwer. Sprich: Meine E-Books sind DRM-frei.

Eine Forbes-Überschrift bringt es auf den Punkt: You Will Never Kill Piracy, and Piracy Will Never Kill You.

[... ]

*Tim O‘Reilly ist der Ansicht: „obscurity is a greater threat to authors than piracy“. Siehe zum Beispiel sein Beitrag Piracy is Progressive Taxation.

(Ergänzung vom16.3.17) Was passiert, wenn man Menschen Inhalte einfach und zu einem für sie akzeptablen Preis zugänglich macht, demonstriert der Streaming-Dienst Netflix: Erstmals mehr Visits als kinox.to: der spannende Siegeszug von Netflix in Deutschland.


Wer neugierig ist, worüber ich sonst noch so in meinem Buch Erfahrungen einer Indie-Autorin schreibe, sollte sich einfach die Leseprobe (mit dem Inhaltsverzeichnis) herunterladen. Oder das Buch gleich für wenig Geld kaufen ;-)


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