Dienstag, 11. November 2008

Unfreiwillig komisch: Der falsche Bezug

Heute beginne ich mit zwei Beispielen (die unfreiwillig komischen finden Sie gegen Ende des Beitrags):

Besonders gefährdet sind Lendenwirbelsäule und Hüfte. Hier
(in der Wirbelsäule?) kann es im Alter zu den gefürchteten Oberschenkelhalsbrüchen kommen.

Der Zufall hat zwei völlig unterschiedliche Gesichter, meint Autor X in seinem Buch. Der (Das) eine (zu ergänzen: "Gesicht") ist der Zufall erster Ordnung.

Hier knirscht es, weil der Bezug zwischen den Sätzen nicht stimmt. Das ist wie Sand im Getriebe. Auch wenn den meisten Lesern vermutlich nicht sofort klar ist, warum sie bei diesen Textpassagen hängen bleiben: Alles, was stört, hemmt den Lesefluss und muss raus.

Als Verlag, Redaktion oder Werbeagentur sind Ihre Texte das Aushängeschild Ihres Unternehmens.
Das ist ein Fehler, der häufig gemacht wird. Das nächste Substantiv nach dem „als“-Konstrukt ist „Texte“. Die sind aber kein Verlag usw.

Ich hätte beinahe einmal geschrieben:
Als Medizinjournalistin gehört das klinische Wörterbuch "Der Pschyrembel" seit Langem zu meinem Handwerkszeug. Dabei hat "Der Pschyrembel" zwar mit Medizin zu tun, ist aber, wie jeder weiß, gewiss keine Journalistin.

Ein anderes Beispiel:
In Bremen stießen prominente TV-Journalisten auf ein interessiertes Publikum: darunter Ranga Yogeshwar, Moderator von "Quarks & Co." (WDR) sowie "W wie Wissen" (ARD). Er startete die Diskussion...
Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich denke, Yogeshwar saß nicht im Publikum. Gemeint war vielmehr:
In Bremen stießen prominente TV-Journalisten
, unter ihnen Ranga Yogeshwar, auf ein interessiertes Publikum. Yogeshwar moderiert "Quarks & Co." (WDR) sowie "W wie Wissen" (ARD). Er startete...

Auch so kann es danebengehen: Unsere Gesellschaft wird immer dicker und älter - Prävention ist im deutschen Gesundheitswesen kaum vorgesehen.
Wie man dem Dickerwerden vorbeugen will, kann ich mir vorstellen. Aber dem Älterwerden?

Das Problem ist also: Ein unklarer oder falscher Bezug zwischen Satzteilen oder Sätzen verwirrt den Leser. Möglicherweise amüsiert er ihn auch. Auf alle Fälle bleibt man hängen. Man denkt nach, man grübelt. Sobald nicht klar ist, worauf ein Wort sich bezieht, kann der Leser nicht mehr mühelos folgen. Worst case-Szenario: Er hört ganz auf zu lesen, weil ihm einfällt, dass er noch anderes zu tun hat.

Lesen Sie also Ihren Text sorgfältig und prüfen Sie, ob der Bezug zwischen Satzelementen und von Satz zu Satz jeweils logisch und stimmig ist. Das ist besonders wichtig, wenn Sie Wörter oder Sätze eingefügt oder gestrichen haben.

Und hier die versprochenen Fundstücke, die mich schmunzeln ließen:

Kann ein Fußball schneller fliegen als der Fuß, der ihn getreten hat? Das ist aber gar nicht gut, wenn der Fuß fliegt. Gemeint ist …, als der Fuß sich bewegt, der ihn tritt? (Die Antwort lautet: Ja.)

Neben den riesigen Oberpflegern sind auch noch alle Fenster vergittert. Der Satz stammt aus einem Aufsatz über „Die Physiker“ von Dürrenmatt. Statt "als" wie weiter vorn bereitet hier "neben" das Problem.

Aus der Beschreibung einer Fernsehkrimifolge: Als die Leiche des Werkstattbesitzers aufgefunden wird, in dem das Unfallauto repariert wurde, ahnen die Kommissare, welchen Umfang der Handel mit gefälschten Ersatzteilen hat. Kein Wunder, dass er tot ist der Werkstattbesitzer. Wenn in ihm ein Auto repariert wurde...

The baby was delivered, the cord clamped and cut, and handed to the pediatrician, who breathed and cried immediately.

The patient lives at home with his mother, father, and pet turtle, who is presently enrolled in day care three times a week. Wie wäre es mit "and" statt "who"?

Dabei wird deutlich, dass sich hinter dem Gesicht des „freundlichen Nachbarn“ auch eine hässliche Fratze verbergen könnte, die urplötzlich losschlägt und seinem Opfer einen grauenvollen Tod beschert. Das Problem: eine Fratze, die „losschlägt“ (hier sind zwei Bilder vermischt, die nicht zusammenpassen). Es entsteht, weil statt "die" "der" stehen müsste, denn vermutlich ist der Nachbar gemeint. Das lässt auch das "seinem" vor Opfer vermuten. Nur steht das Wort "Nachbar" im Satz zu weit entfernt vom Relativsatz, als dass man "die" einfach durch "der" ersetzen könnte. Hier kommt der Autor nicht daran vorbei, die verwendeten Bilder noch einmal gründlich zu überdenken und den Satz (besser: zwei Sätze?) neu zu formulieren.

Als Schmankerl zum Schluss diese Meldung aus der Rubrik Feedback des New Scientists vom 22. September 2007:

Lethal speech

IAN DARBY of Queensland, Australia, was reading The Ramsay Way - the corporate newsletter of Ramsay Health Care - when he stumbled upon a surprising sentence in a report that was headed "Prime Minister honours ANZACS at Greenslopes Private Hospital dawn service".

"The Prime Minister," the report said, "reminded all Australians that they 'owe so much' to the more than 100,000 troops who died in battle during the delivery of his Special Address."

Darby wonders whether lives could have been saved if the PM's speech had been shorter: "Perhaps the carnage could have been completely avoided if the PM had remained silent."