Montag, 1. Mai 2017

Die Verständlichkeit wissenschaftlicher Texte nimmt immer weiter ab

Ich bereite mich im Moment darauf vor, in der nächsten Woche wieder einmal Studenten in wissenschaftlichem Schreiben zu unterrichten. Zwischen meinen Kursen sammele ich Artikel und Ähnliches, das für die Teilnehmer interessant oder hilfreich sein könnte.

Eine solche Veröffentlichung ist vor etwa einem Monat erschienen: The Readability Of Scientific Texts Is Decreasing Over Time. Der Titel hat sofort meine Aufmerksamkeit erregt, weil das einerseits sehr beunruhigend ist und weil mir andererseits das verständliche, leserfreundliche Schreiben so sehr am Herzen liegt (s. dieses Blog, meine Schreibratgeber und meine Kurse).

Studie über die Lesbarkeit von Wissenschaftstexten seit 1881


Es folgen enige Zitate aus dem Artikel sowie meine Gedanken dazu. Zuerst das wesentliche Ergebnis aus der Zusammenfassung:
Here, in a corpus consisting of 707 452 scientific abstracts published between 1881 and 2015 from 122 influential biomedical journals, we show that the readability of science is steadily decreasing. Further, we demonstrate that this trend is indicative of a growing usage of general scientific jargon.
Das ist ziemlich erschreckend, finde ich. Vor gut einer Woche habe ich am March for Science teilgenommen -- als Biologin (die ich ja auch bin), als Wissenschaftsjournalistin und als Mensch, der Wissenschaft wichtig und spannend findet. Doch wie wollen wir den Menschen die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung vermitteln, ja, sie vielleicht sogar dafür begeistern, wenn die Personen, die dieses Forschung betreiben, sich immer unverständlicher ausdrücken?

Ich weiß, die Studie hat nur Veröffentlichungen angeschaut und auch nur in englischsprachigen Zeitschriften. Aber ich habe den starken Verdacht, dass sich diese Erkenntnisse verallgemeinern lassen. Schließlich spreche ich in meinem anderen Beruf (als Journalistin) immer wieder auch mit deutschen Wissenschaftlern und lese ihre Bücher und so weiter.

So sind die Autoren der Studie vorgegangen:
To investigate trends in scientific readability over time, we downloaded 707 452 article abstracts from PubMed, from 122 high-impact journals selected from twelve biomedical fields of research (Fig. 1A-C). This journal list included, among others, Nature, Science, NEJM, Lancet, PNAS and JAMA … and ranged from 1881 to 2015. We quantified the reading level of each abstract using two established measures of readability: the Flesch Reading Ease (FRE (1, 2)) and the New Dale-Chall Readability Formula (NDC, (3)). The FRE is proportional to the number of syllables per word and the number of words in each sentence. The NDC is proportional to the number of words in each sentence and the percentage of ‘difficult words’. Difficult words are defined as those words which do not belong to a predefined list of common words.
Es handelte sich also um Texte aus der biomedizinischen Forschung -- einem Gebiet, mit dem ich mich oft als Dozentin befasse. Gemessen wurde die Lesbarkeit a) mit einer Variante des Flesch-Wertes, der Wort- und Satzlänge berücksichtigt, und b) mit einer Formel, die auf der Länge und der Schwierigkeit der Wörter basiert. Natürlich bestimmen noch andere Faktoren, die Verständlichkeit eines Texts, aber diese Werte liefern gut Anhaltspunkte.

Schwierige Wörter zerstören die Lesbarkeit


Hier das wichtigste Ergebnis:
The average number of syllables in each word (FRE component ) and the percentage of difficult words (NDC component) showed pronounced increases over years (Fig. 1I,J). Sentence length (FRE and NDC component) showed a steady increase with year after 1960 ...
Der Text deutet es schon an und wenn man sich die Abbildungen dazu anschaut, wird es noch deutlicher: Das, was die Veröffentlichungen zunehmend schwer lesbar macht, sind in erster Linie lange, schwierige Wörter, oder genauer: der Jargon, das Fachchinesisch. Darauf bezieht sich das Bildchen zu Beginn dieses Posts: Schwierige Begriffe sind zerstörerisch. Mit weiteren Tests zeigten die Forscher, dass wissenschaftler Jargon tatsächlich (zum Teil) für das Abnehmen der Lesbarkeit verantwortlich war.

Sind vielleicht nur die Abstracts der Artikel, also die Zusammenfassungen, so unverständlich? Nein, denn
To verify that the readability of abstracts was representative of the readability of the entire articles, we downloaded full text articles from six additional independent journals from which all articles were available from the PubMed Central Open Access Subset (Fig. 2A). Although, as has previously been reported (13), abstracts are less readable than the full articles, there was a strong positive relationship between readability of the abstracts and the full texts
Zwischen der Verständlicheit von Abstracts und Hauptartikeln gab es also einen klaren Zusammenhang.

Zusammenfassungen sollten besonders verständlich sein


Was mich aber besonders erschreckt hat, war, dass Abstracts anscheinend laut einer anderen Untersuchung weniger lesbar sind als die gesamten Artikel. Dabei sollte es umgekehrt sein. Die meisten Menschen lesen zuerst diese Zusammenfassungen und viele lassen es dabei bewenden. Die Zusammenfassung ist auch der Teil, an den sich Fachfremde, seien es Wissenschaftler anderer Disziplinen, seien es Laien wie Journalisten und andere, am ehesten herantrauen. Das heißt, hier sollten die Verfasser sich besonders große Mühe geben, leserfreundlich zu schreiben.

Das ganze Ausmaß des Problems macht das folgende Zitat deutlich, das sich auf die Flesch-Werte bezieht:
A FRE score of 100 is designed to reflect the reading level of a 10-11 year old. A score between 0 and 30 is considered understandable by college graduates (1, 2). In 1960, 16.3% of the texts in our corpus had a FRE below 0. In 2015, this number had risen to 26.5%. In other words, more than a quarter of scientific abstracts now have a readability considered beyond college graduate level English
Das Englisch, also der Schreibstil, von mehr als einem Viertel der Abstracts war 2015 so schwierig, dass es jemanden mit einem College-Abschluss überfordern würde. Und das, obwohl (s. o.) eine solche Zusammefassung nicht nur für die nächsten Fachkollegen gedacht ist. Abgesehen davon, dass es auch für Experten angenehmer ist, wenn etwas leserfreundlich verfasst ist. Das bestätigt diese Passage:
Lower readability is also a problem for specialists (22, 23, 24). This was explicitly shown by Hartley (22) who demonstrated that rewriting scientific abstracts, to improve their readability, increased academics’ ability to comprehend them.
Aha! Sogar Akademiker verstehen schwierige Sachverhalte besser, wenn man sie lesbarer präsentiert.

Tja, ich sehe, meine Kurse und meine Bücher sind noch längst nicht überflüssig. Ich bleibe dran ;-) 

Angaben zu der Veröffentlichung:
The Readability Of Scientific Texts Is Decreasing Over Time
Pontus Plaven-Sigray, Granville James Matheson, Björn Christian Schiffler, William Hedley Thompson


Zum Schluss einige Buchempfehlungen für alle, die ihren Schreibstil verbessern möchten:

 





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