Donnerstag, 21. Juli 2016

Beim Schreiben sollte aller Anfang einfach sein

Ich habe bereits früher einmal darüber geschrieben, warum beim Schreiben aller Anfang nicht schwer sein sollte: Fangen Sie einfach an.

Daran musste ich denken, als ich neulich in einer Pressemitteilung auf den folgenden Satz stieß:
Konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten weisen kohleartige Materialien inklusive Biokohle in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden ist. 
Mein erster Gedanke war: ein schönes Beispiel, um zu zeigen, dass es oft sinnvoll ist, einen Satz mit Wörtern und Konzepten zu beginnen, die dem Leser vertraut sind, und diesem nicht gleich schwer verstehbare Begriffe und Ideen um die Ohren zu hauen. Zuerst wollte ich übrigens, angesteckt von der im Beispielsatz verwendeten Sprache, demonstrieren schreiben statt zeigen. So schnell steckt man sich an ;-)

Als ich begann, den Satz umzustellen, fiel mir ein zweites Problem auf:
Konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten weisen kohleartige Materialien inklusive Biokohle in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden ist. 

Was bezieht sich worauf?


Wie genau ist das gemeint? Bezieht sich in der Umwelt auf die Biokohle, also Biokohle in der Umwelt, oder auf Facetten ... weisen auf, also weisen Facetten in der Umwelt auf? Letzteres ist gemeint. Das lassen die nächsten Sätze vermuten.

Lassen wir also den Satz mit dem Einfachen und Bekannten beginnen. Erst danach erwähnen wir das Schwierige und Neue:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden ist. 
Fällt Ihnen etwas auf? Der Satz war so verquer formuliert, dass ich erst nach der Umformung bemerkte, dass auch in einem zweiten Fall der Bezug nicht stimmte:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden ist
Der Relativsatz bezieht sich -- da das Verb ist im Singular (in der Einzahl) steht -- auf Umwelt. Das ergibt jedoch keinen Sinn. Ich denke, er soll sich auf Facetten beziehen, deshalb:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden sind.

Oder liegt's an der Satzstellung?


Man könnte nun einwenden, dass der Satz deshalb so schwer lesbar war, weil er einen ungewohnten Aufbau hatte, nämlich: Konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten (Objekt) weisen (Prädikat) kohleartige Materialien inklusive Biokohle (Subjekt) und so weiter, statt wie üblich Subjekt, Prädikat, Objekt: Ich werfe den Ball. Doch daran (allein) kann es nicht liegen, wie dieses Beispiel zeigt:
Gefährliche Eigenschaften weisen kohleartige Materialien inklusive Biokohle in der Umwelt auf ...
Mit einfacheren Begriffen erschließt sich der Satz leichter, selbst bei diesem Aufbau. Aber natürlich hilft es, wenn man Leser nicht durch Unübliches (ver)stört. Sie sollten die Abfolge also nur verändern, wenn Sie zum Beispiel etwas besonders betonen wollen, indem Sie es an den Anfang setzen. Doch dann sollte es einfach formuliert sein.

So viele Probleme


Richtig gut gefällt mir der Satz immer noch nicht. Ein Grund sind unnötig schwierige Wörter:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden sind. 
Leichter zu verstehen ist es so:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen gegensetzliche umweltchemische und ökotoxikologische Eigenschaften in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden sind.
Ich weiß, Eigenschaften ist nicht dasselbe wie Facetten, aber wenn man den nächsten Satz betrachtet, ist das wohl gemeint:
Einerseits stellen sie schadstoff- und ggf. klimarelevante Kohlenstoffquellen dar, andererseits können Schadstoffe derart stark an die Materialien (Ruß, Holzkohle, Steinkohle) gebunden werden, dass dies unter bestimmten Bedingungen sogar als Sanierungsstrategie berücksichtigt werden könnte.
Es juckt mir in den Fingern, noch weiter an beiden Sätzen zu arbeiten.

Fazit


Doch wir sollten nicht mein ursprüngliches Ziel aus den Augen verlieren. Und das war, Ihnen zu zeigen, dass ein Satz schon dadurch zugänglicher werden kann, dass wir mit dem Einfachen beginnen. Ich weiß, es ist nur eine Nuance. Aber jedes Mittel sollte uns recht sein, das zur Verständlichkeit beiträgt. Es summiert sich :-)

Vorher:
Konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten weisen kohleartige Materialien inklusive Biokohle in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden ist. 
Nachher:
Kohleartige Materialien inklusive Biokohle weisen konträre umweltchemische und ökotoxikologische Facetten in der Umwelt auf, die bis heute nicht vollständig verstanden sind.

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Montag, 18. Juli 2016

Cliffhanger – Sinn und Unsinn


Der Held rennt auf den Rand einer Klippe zu. Er stolpert und stürzt in den Abgrund. In letzter Sekunde kann er sich mit einer Hand an einem Felsvorsprung festhalten. 

Zur selben Zeit in New York ...

Das, was ich hier skizziert habe,  ist natürlich im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch im übertragenen Sinne, ein typisches Beispiel für einen Cliffhanger.

Ein probates Mittel, um Spannung zu erzeugen


Wir Autoren verwenden dieses Stilmittel gerne, um Leser zum Weiterblättern zu bewegen. Denn wer möchte nicht einen so genannten Pageturner schreiben? Ein Buch also, bei dem die Leser einfach immer weiter "umblättern" müssen, bis sie wissen, wie die Geschichte ausgeht. Als Thrillerautorin ist genau das mein Ziel.

Deshalb enden manche oder viele Kapitel je nach Autor und Buch genau dann, wenn es am spannendsten ist. Dann erfährt man entweder im nächsten Kapitel, was als Nächstes geschieht. Oder aber der Autor erzählt uns zuerst,  was andere Personen gerade an einem anderen Ort erleben, um die Spannung noch zu steigern.

Ähnliches gibt es natürlich auch bei Fernsehserien. Auch dort lässt uns das Ende einer Folge manchmal im Ungewissen, wobei es oft sozusagen um Leben und Tod geht,  so dass wir die Fortsetzung kaum erwarten können. Was gerade noch erträglich ist, wenn es bis dahin nur eine Woche dauert. Oder wenn man zum Beispiel bei Netflix schaut und dort die nächste Folge gestartet wird, wenn wir es nicht ausdrücklich verhindern.

Was Leser und Zuschauer oft nicht mögen


Diese beiden Arten, Cliffhanger einzusetzen, erfüllen meines Erachtens ihren Zweck, nämlich Leser und Zuschauer bei der Stange zu halten, und zwar auf eine Art und Weise, die ihnen Spaß macht. Kritischer wird es, wenn ein Buch ausgerechnet mitten in einer spannenden Szene endet und wir nicht erfahren, wie das Ganze für den Helden oder die Heldin ausgeht.

Das mögen manche Leser gar nicht, weil die Absicht des Autors, uns dazu zu zwingen, sein nächstes Werk zu erstehen, überdeutlich zu erkennen ist. So etwas verstimmt. In seltenen Fällen könnte ich mich auch damit eventuell noch anfreunden. Dafür müssen zwei Bedingung erfüllt sein: Erstens muss die Geschichte wirklich sehr gut und spannend sein. Zweitens muss das nächste Buch schon geschrieben und erhältlich sein. Außerdem darf es nicht zu viel kosten.

Was nach meiner Meinung nicht geht, ist Folgendes: Wenn eine Fernsehserie mit einem Cliffhanger endet, nehmen wir als Beispiel Orange Is the New Black, eine Originalserie von Netflix, und ich ein ganzes Jahr auf die Fortsetzung warten muss.

Das frustriert mich als Zuschauerin nämlich gleich doppelt: Erstens ist es ärgerlich nicht zu wissen, wie es weitergeht, und eine unzumutbar lange Zeit warten zu müssen, bis man es erfährt. Zweitens weiß ich aus Erfahrung, dass ich nach einem Jahr längst vergessen habe, wie die vorherige Staffel endete, ja, dass es überhaupt einen Cliffhanger gab. Zwar erklärt die erste Folge einer neuen Staffel gewöhnlich, was zuletzt geschah. Doch die Geschehnisse, die zu diesem Ereignis geführt haben, bleiben für jemanden wie mich im Dunkeln, weil ich sie längst vergessen habe, was die Geschichte weniger interessant macht.

Dumm gelaufen: Weil ich mich nach einem Jahr nicht mehr daran erinnere, dass es einen Cliffhanger gab, kann der mich auch nicht zum erneuten Einschalten veranlassen. Und mein Fernsehgenuss wurde auf zweifache Weise beeinträchtigt.

Fazit: Cliffhanger kann und soll man verwenden, wenn sie zum Lesevergnügen oder Fernsehspaß der Leser und Zuschauer beitragen. Falsch eingesetzt können sie jedoch verärgern. Und das sollten wir als Autoren vermeiden.

Ergänzung vom 6.6.2017:

Was gar nicht geht


Vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass a) Netflix die Serie Sense8 abgesetzt hat und dass b) die zweite, und damit letzte, Staffel mit einem Cliffhanger endet, s. z. B. Netflix just canceled ‘Sense8’—and fans are not taking it well. Es sollte sich von selbst verstehen, dass man die neueste Staffel einer Serie* nicht auf diese Weise beendet, wenn man nicht absolut sicher ist, dass diese Serie fortgesetzt wird. Und doch geschieht es immer wieder. Als Zuschauerin fühle ich mich in einem solchen Fall verärmelt.

Ich bin im Moment noch bei Staffel 1. Die Serie gefällt mir gut, sie ist neuartig, interessant, die Charaktere sind wunderbar -- aber aus, wie ich denke, verständlichen Gründen werde ich nun nicht weiterschauen.

*oder ein Buch in einer Reihe

Foto: Cliffhanger von muelo-media/Flickr (CC BY-SA 2.0)

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