Montag, 21. Dezember 2015

Was ich beim Schreiben meines Krimis „Wer tötete Miro?“ gelernt habe

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Wie im vorigen Post angekündigt möchte ich heute berichten, was ich beim Schreiben des dritten Kaha-Fischer-Krimis Wer tötete Miro? gelernt habe. Bei diesen Geschichten experimentiere ich gerne, was den Schreibprozess angeht. Entsprechend habe ich die ersten beiden, Rettende Engel und Lisa, Ben und Tim sozusagen live als Fortsetzungsgeschichten bei Wattpad geschrieben, s.

- Krimi schreiben - ein Experiment,
- Wattpad - mein Mittel gegen Schreibblockaden
- Mein Krimiexperiment bei Wattpad geht in die nächste Runde.

Diese Krimis so, nämlich vor aller Augen, zu schreiben, war möglich, weil ich für beide Bücher die Geschichte bereits entworfen hatte und über mehr oder weniger ausführliche Outlines verfügte. Und weil ich natürlich bereits wusste, wer warum der Täter war, wie er überführt wurde und wer sonst noch verdächtig sein sollte.

Ein Experiment: "planlos" schreiben


Beim dritten Kaha-Fischer-Krimi, Wer tötete Miro?, habe ich mit dem Schreiben bei Null angefangen. Ich wusste nichts über das Opfer, den Tatablauf, erst recht nichts über den Täter und so weiter. Ich habe mich einfach ins kalte Wasser gestürzt und losgelegt. Wie es dazu kam, habe ich bei Google+ geschildert.

Hier ein Auszug aus dem Post:
[Ich habe zunächst meine verschiedenen Projekte aufgezählt, u. a. die Arbeit an meinem zweiten Cori-Thriller. Dann ging der Post so weiter] Und schließlich habe ich vor ein paar Tagen mit einem Experiment begonnen: Ich schreibe jetzt morgens immer drei Morning Pages, um in den Schreibfluss zu kommen. Gleichzeitig habe ich zwei Lecture Courses von Dean Wesley Smith gekauft. Der eine (#11) dreht sich um prolific writers, also darum, wie man als Autor möglichst viel produzieren kann. DWS selbst schreibt einfach munter und (wenn ich das recht verstehe) planlos drauf los und das Tag um Tag und produziert so eine Unmenge Kurzgeschichten und Romane.

Zufällig habe ich kürzlich auch einen Video-Vortrag von Ken Follett gesehen, in dem er Ed McBain erwähnte, der für einen Krimi jeweils weniger als einen Monat brauchte und trotzdem laut Follett ein begnadeter Krimiautor war. Simenon hat seine Maigret-Romane ebenfalls sehr schnell geschrieben (ich finde gerade kein passendes Zitat, aber ich glaube, er brauchte drei Wochen oder weniger). Stephen King ist ein anderer Viel- und Spontanschreiber.

Kurz, ich dachte mir: Warum irgendetwas (Nutzloses) in meinen Morning Pages zu Papier bringen? Warum versuche ich nicht, meinen dritten Kaha-Fischer-Krimi auf diese Weise zu schreiben? Kaum hatte ich das gedacht, fiel mir der erste Satz ein, dann der zweite ... Ohne viel zu überlegen schrieb ich drei Seiten voll.

Und tweetete etwas später skeptisch:
Ich nutze meine Morning Pages, um einen Krimi "free"zu"writen". Mal sehen, was dabei herauskommt. Wahrscheinlich nicht viel. Ich glaube, a) Krimis muss man gut plotten (Logik!) und b) man soll nicht die ersten Ideen verwenden (keine Überraschungen f. Leser!).

Eine Angst hat sich als unbegründet erwiesen: Dass mir nicht einfällt, wie es weitergeht. Ich habe bisher neun Seiten so geschrieben und es reicht, kurz vorher daran zu denken, dass ich gleich schreibe, schon fällt mir die nächste Szene, der nächste Schauplatz o. Ä. ein und ich schreibe tatsächlich mühelos die Seiten voll.

Worauf ich jetzt achte: Einige mögliche Tatmotive und Täter ins Spiel zu bringen und überhaupt einige Fragen über das Opfer usw. aufzuwerfen. Es soll ja ein Krimi sein.

Ich habe die ersten drei Seiten inzwischen abgetippt. Sie sind nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Ich werde die Geschichte, falls ich sie beende, jedoch nicht, wie DWS es rät, einfach veröffentlichen. Erstens glaube ich - und ich beschäftige mich inzwischen seit Jahrzehnten mit meinem Schreiben und dem anderer -, dass jeder Text besser wird, wenn man ihn stilistisch überarbeitet (von Tippfehlern ganz zu schweigen, die sich zwangsläufig einschleichen, und nicht zu knapp). Außerdem habe ich den Eindruck, dass man beim Freewriting u. U. weitschweifig und spannungsarm, also mit Längen, formuliert.

Möglichkeiten und Grenzen


Nachdem ich das Buch (einen Kurzroman von 27 Kapiteln) beendet hatte, habe ich mir notiert:
Ungefähr ab Kapitel 17 habe ich die Geschichte nicht mehr kontinuierlich heruntergeschrieben, sondern damit begonnen, die Handlung zu planen und mir für spätere Kapitel Notizen zu machen, auch Szenenbruchstücke schriftlich festzuhalten. Nach Kapitel 19 habe ich eine Pause eingelegt, u. a. um Das Phönix-Vermächtnis fertigzustellen, aber auch, weil sich die Geschichte nicht so einfach spontan weiterentwickeln ließ. Danach folgte ein intensiveres Wiederlesen und Überarbeiten des bereits Geschriebenen, wobei ich mir zum Beispiel Namen für verschiedene Figuren ausgedacht und diese eingefügt habe. (In den Morning Pages habe ich oft nur Platzhalter verwendet.) Außerdem habe ich, wo nötig, Dinge ergänzt. Insgesamt war diese Art von erster Fassung weniger ausgearbeitet, als es sonst bei mir der Fall ist. Und schließlich habe ich mir noch genauer überlegt, wie es weitergehen soll, und das Buch beendet.
Dean Wesley Smith rechnet gerne vor, dass man in einer Stunde soundsoviel Wörter schreiben kann, was bei 365 Tagen im Jahr soundsoviel Romane ergibt.

Ich muss sagen, dass ich diese Vorstellung zwar verführerisch fand, aber unrealistisch. Schließlich tippt man ja nicht irgendeinen Text ab, sondern man muss sich eine Geschichte ausdenken. Sprich man muss planen, was geschehen soll, darüber nachdenken. Und das kostet Zeit.

Die Erfahrung, die ich mit dem dritten Kaha-Fischer-Krimi gemacht habe, gibt Smith teilweise Recht. Zumindest zu Anfang wusste ich tatsächlich immer, wie die Geschichte weiterging. Ich habe nicht ein einziges Mal in die Luft gestarrt, weil ich keine Idee hatte, was ich schreiben sollte. Nein, die Wörter sind mir automatisch eingefallen – egal, ob ich mit der Hand schrieb oder am Computer saß. Beides habe ich ausprobiert.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich im Laufe des Tages in Gedanken immer wieder einmal zwischendurch Ideen für die Handlung durchgespielt habe, vor allem, aber keineswegs nur direkt vor dem Schreiben.

Dean Wesley Smith sagt nun einerseits, dass er seine Storys nicht mehr groß überarbeitet (natürlich werden Tippfehler von ihm oder einer Korrektorin beseitigt). Andererseits behauptet er auch, dass Texte durch zu starkes Redigieren schlechter werden, weil man entfernt, was Ton und Individualität ausmacht.

Ich glaube auch, dass man eine Geschichte zu Tode überarbeiten kann. Aber mein Experiment hat bestätigt, dass meine ersten Fassungen eine Überarbeitung benötigen, um stilistische Mängel wie Wortwiederholungen zu entfernen.

Ich habe zweitens den Eindruck, dass diese Art des tendenziell planlosen Schreibens zum Schwafeln verleitet. Was ich damit meine, ist, dass Dialoge zum Beispiel länger ausfallen als nötig, weil man die Figuren einfach reden lässt. Manche Gespräche oder Geschehnisse sind vielleicht auch so unwichtig oder wenig spannend oder aus anderen Gründen uninteressant, dass es reicht, wenn man sie in Form einer Zusammenfassung wiedergibt. Das habe ich bei meinem relativ kurzen Kaha-Fischer-Krimi zwar nicht bestätigt gefunden, dafür aber bei meinem über 500 Seiten langen Thriller Das Phönix-Vermächtnis, bei dem ich mir sogar vorher den Handlungsablauf mehr oder weniger zurechtgelegt hatte.

Schließlich hat sich gezeigt, dass ich nach ungefähr zwei Dritteln von Wer tötete Miro? gegen eine Wand gefahren bin. Will sagen: Ich wusste nicht spontan weiter, sondern hatte einen Punkt erreicht, an dem ich planen musste: Wer ist der Täter? Wie entlarven die Kommissare ihn? Und so weiter und so fort. Außerdem musste ich auch in frühere Kapitel zurückgehen und entsprechende Änderungen vornehmen (allerdings keine großen).

Schnell viel schreiben: Lösung oder Problem? 


Hier noch einiges, was ich mir zum Thema Schnell/Vielschreiber notiert habe:

Dean Wesley Smith behauptet im ersten Teil seines Kurses Nr. 11, dass, was schnell geschrieben wurde, oft beliebt ist und Lesern gefällt. Außerdem sagt er, dass Autoren selbst nur schlecht die Qualität ihrer eigenen Werke beurteilen können.

Dean Wesley Smith ist bekennender Vielschreiber. Was er allerdings weniger auf Schnelligkeit zurückführt, als darauf, dass er viel arbeitet beziehungsweise viele Stunden vor dem Computer sitzt und schreibt (im Englischen nennt man das anschaulich butt in chair).

Darüber berichtet Smith übrigens auch in seinem Blog, in dem er Tag für Tag seinen Schreib-Output protokolliert.

Vielschreiber sind offenbar sehr diszipliniert. Sie warten nicht, bis die Muse sie küsst, sondern sitzen jeden Tag am Schreibtisch. Ihre Werke werden von der literarischen Welt oft abfällig oder doch zumindest misstrauisch betrachtet. Die einzige Ausnahme, die mir einfällt, ist Joyce Carol Oates.

Leser andererseits sind glücklich, wenn ihre Lieblingsautoren viel Lesestoff produzieren.

Was ist die Qualität angeht: Extreme Vielschreiber schaffen offensichtlich durchaus Bücher, die beim Publikum ankommen. Und wenn Georges Simenons Geschichten auf Deutsch beim renommierten Diogenes Verlag erschienen sind und immer noch erscheinen, können sie so schlecht nicht sein ;-)

Allerdings, so mein Eindruck, produzieren extreme Vielschreiber keine ausgeklügelten Krimis oder Thriller mit kompliziert verwobenen Handlungssträngen oder Geschichten, die viel Faktenwissen und damit Recherche erfordern. So wie ich. Nach meinem kleinen Experiment glaube ich zumindest nicht, dass dies nur eine Ausrede ist, mit der ich versuche meine Langsamkeit zu rechtfertigen. Oder doch?

Fazit: Das Schreiben von Wer tötete Miro? war ein aufschlussreiches Experiment. Werde ich meine Krimis in Zukunft „free writen“? Die Kaha-Fischer-Krimis vermutlich und die Cori-Stein-Thriller bestimmt nicht. Aber dafür, eine Geschichte zu beginnen, Ideen zu entwickeln, Figuren zu finden, scheint mir diese Vorgehensweise durchaus – auch für mich – brauchbar.

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