Donnerstag, 26. März 2015

Auch die Berichte der Think Tanks müssen verständlich sein

Gestern hörte ich beim Kochen den Deutschlandfunk, genauer gesagt, eine Diskussion über Denkfabriken. Von diesen gibt es offenbar eine Menge, u. a. das Mercator Institut für China-Studien, MERCIS, dessen Direktor, Sebastian Heilmann, anwesend war. Zwei weitere Teilnehmer waren Thomas Bagger, Leiter des Planungsstabes des Auswärtigen Amtes, und Nicole Renvert, Alumni Postdoc Fellow am Käte Hamburger Kolleg, Centre for Global Cooperation Research, Universität Duisburg-Essen.

Alles in allem eine sehr interessante Sendung. Doch was hat sie mit diesem Blog zu tun?

Auf die Frage, ob er als Politiker die Newsletter dieser Think Tanks liest, antwortete der ebenfall anwesende SPD-Europa-Abgeordnete Jo Leinen unter anderem (etwa ab Minute 36:40): "Das ist dann die Kunst, auch verständlich zu sein. Es wird ja Wissenschaft betrieben. Wir wissen, dass in unserem Teil der Welt das Humboldtsche Bildungsideal so ist, dass nur die Experten es verstehen und nicht die weite Öffentlichkeit. Da sind uns die Angelsachsen ja weit voraus, die das populär auch umschreiben können." Die Hervorhebungen sind von mir.

Das ließ mich aufhorchen. Schließlich sind mir verständliches Schreiben und wie man es bewerkstelligt wichtige Anliegen. Und zum Beispiel immer wieder Thema hier im Blog.

Offenbar denken auch die Wissenschaftler in den Denkfabriken oft noch zu wenig an ihre Leser, dabei ist das Die wichtigste Schreibregel. Sie können sich nicht vorstellen, dass andere viel weniger wissen als sie, die Spezialisten. Das nennt man the curse of knowledge, woraus wiederum folgt, dass man möglichst auf (unübliche) Fachbegriffe verzichten sollte. Außerdem lässt sich vermuten, dass Politiker wie Leinen nicht viel Zeit haben oder sich nicht immer voll konzentrieren können. Sprich: Es ist kaum zu erwarten, dass sie die Geduld haben, lange Schachtelsätze mehrmals zu lesen, bis sich ihnen deren Sinn erschließt.

Und ja, in der angelsächsischen Welt werden Wissenschaftler eher dazu angehalten, sich klar auszudrücken.

Vielleicht sollten deutsche Think Tanks einige meiner Schreibratgeber erwerben. Schließlich habe ich sie u. a. für solche Experten geschrieben. Sie können mich natürlich auch gleich für einen Inhouse-Workshop (auf Deutsch oder Englisch) engagieren ;-)

Aber im Ernst: Jo Leinens Bemerkung zeigt mal wieder, dass in der deutschen Wissenschaft im Hinblick auf verständliches, leserfreundliches Schreiben noch so einiges im Argen liegt.