Dienstag, 30. Dezember 2014

Ein kurzer Satz -- und doch drei Probleme

Lange Sätze sind oft schwer lesbar. Vor ein paar Tagen stieß ich jedoch auf ein Exemplar, das zwar angenehm kurz war, aber trotzdem merkwürdig hölzern klang.

Ich habe den Satz leicht abgeändert, damit er sich auch aus dem Zusammenhang gerissen verstehen lässt:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen. 
Ein Problem fiel mir sofort auf, vermutlich weil mein Blick für diese Dinge geschärft ist, nämlich ein typischer Fall von doppelt gemoppelt:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
Wir streichen flink, zum Beispiel so:
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine Belegschaft aus vielen Nationen.
Warum ich international gestrichen habe und nicht das längere aus vielen Nationen? Weil ich schon das nächste Problem ins Auge gefasst habe. Hand aufs Herz: Wie oft verwenden Sie im Alltag das Wort Belegschaft? Nie? Kein Wunder. Es ist sperrig, gestelzt, abstrakt. Schreiben wir doch lieber Menschen. Dass es sich um Beschäftigte handelt, sagt bereits das Verb arbeiten. Aha! Die Belegschaft arbeitet ist hier im Grunde ebenfalls doppelt gemoppelt.
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine Belegschaft aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeiten traditionell Menschen aus vielen Nationen.
Etwas stört mich immer noch, und zwar das Fremdwort traditionell. Es ist zwar nicht schwer verständlich, aber lang und nicht ganz einfach auszusprechen und damit auch nicht ganz leicht zu lesen.
In Opernhäusern arbeiten traditionell Menschen aus vielen Nationen.
In Opernhäusern arbeiten Menschen aus vielen Nationen.
Ich habe traditionell gestrichen, obwohl es dem Satz etwas Information hinzufügt. Die jedoch, behaupte ich, unwichtig ist. Denn jeder weiß, dass an Opernhäusern nicht erst seit heute Menschen aus anderen Ländern beschäftigt sind.

Hier noch einmal der Vergleich.

Vorher (verklausuliert):
In Opernhäusern arbeitet traditionell eine internationale Belegschaft aus vielen Nationen.
Nacher (schlicht und schön):
In Opernhäusern arbeiten Menschen aus vielen Nationen.
Nun könnte man aus Nationen noch Länder machen, aber für mein Gefühl klingt der Satz gut so, wie er ist. Merke: Was als guter Schreibstil gilt, ist teilweise subjektiv. Und auch beim Geschriebenen spielt der Klang (den wir beim Lesen in unserem Kopf hören) eine wichtige Rolle.

Weitere Beispiele dieser Art finden Sie hier im Blog sowie in meinem Büchlein


Grundregeln des verständlichen Schreibens können Sie mit diesem Workshop in Buchform lernen:


Keine Neuigkeit verpassen: einfach meinen Newsletter abonnieren
Wenn Sie frühzeitig über neue Ratgeber, Preis-Aktionen und außerdem über wichtige neue Posts, Zitate und mehr informiert werden möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter.