Sonntag, 23. Februar 2014

Ein Satz -- drei Probleme

Dieser Post erscheint in meiner Reihe "Über Schwieriges einfach schreiben". Nun behandelt der folgende Satz zwar kein schwieriges Thema, er weist jedoch Probleme auf, die ihn schwer verständlich machen. Und dieselben Probleme finde ich auch immer wieder in Texten von Experten, die über komplizierte Zusammenhänge schreiben. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, ihn hier zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu machen.

Schauen wir uns den Beispielsatz einmal an:

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Dieser Satz ist so verknotet und dicht formuliert, dass es kaum möglich ist, ihn auf Anhieb zu verstehen.

Beginnen wir mit der Analyse.

1. ist dieser Satz einfach sehr, sehr lang. Er besteht aus 45 Wörtern und 342 Zeichen (ohne Leerzeichen). In seiner Stilfibel bezeichnet Ludwig Reiners Sätze ab 31 Wörtern als sehr schwer verständlich. Eine schlimmere Kategorie kennt er nicht.

Außerdem -- und das ist sozusagen ein Unterproblem, das man in vielen langen Sätzen findet -- sind die Abstände zwischen Artikel und Substantiv und den beiden Teilen des Prädikats viel zu groß.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

So große Spannen kann unser Gedächtnis nur mit großer Mühe überbrücken und sie sind der Hauptgrund dafür, dass man manche Sätze mehrmals lesen muss, bevor man sie versteht.

2. wimmelt besonders der erste Teil des Satzes von sperrigen Substantiven.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

In drei der (statischen) Substantive verbergen sich (dynamische) Verben, die man herausholen sollte.

3. entspricht die Reihenfolge des Satzes nicht der zeitlichen Abfolge der Ereignisse. Das erschwert das Verständnis und macht den Lesern unnötig Arbeit.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern.

Reihenfolge: 1. 2. 3. 4.

Beginnen wir mit dem Umschreiben. Dabei ordnen wir die einzelnen Sätze entsprechend der Chronologie der Ereignisse an.

mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule

Daraus wird

Yvonne Catterfeld erhielt in ihrer Jugend eine fundierte Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule.

Ergänzt habe ich in ihrer Jugend. Den Namen habe ich aus dem zweiten Teil vorgezogen.

Im zweiten Satz (bestehend aus Teil zwei und drei) wandele ich die betreffenden drei Substantive in Verben um.

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere ...  konnte ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Seit sie medienwirksam aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten ausschied und gleichzeitig verkündete, sich auf ihre Gesangskarriere konzentrieren zu wollen, konnte sie ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. 

Aus verlauten lassen habe ich verkünden gemacht und aus parallel das einfachere deutsche Wort gleichzeitig.

Schließlich habe ich die Erfurterin in den letzten Satz verlegt und dabei das Substantiv unmittelbar auf den Artikel folgen lassen, so, wie es sich gehört.

die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin 

Während ihres knapp zweistündigen Gastspiels wirkte die Erfurterin allerdings etwas spröde.

Ergänzt habe ich im neu entstandenen Satz das Wort allerdings.

Hier noch einmal der direkte Vergleich.

Vorher:

Seit Yvonne Catterfelds medienwirksamem Ausscheiden aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten unter paralleler Verlautbarung ihrer Konzentration auf die Gesangskarriere konnte die während ihres knapp zweistündigen Gastspiels stets etwas spröde wirkende Erfurterin mit der fundierten Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. (1 Satz, 45 Wörtern, 342 Zeichen)

Nachher:

Yvonne Catterfeld erhielt in ihrer Jugend eine fundierte Ausbildung an der Leipziger Musikhochschule. Seit sie medienwirksam aus der Fernseh-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten ausschied und gleichzeitig verkündete, sich auf ihre Gesangskarriere konzentrieren zu wollen, konnte sie ihre Bekanntheit erstaunlicherweise noch steigern. Während ihres knapp zweistündigen Gastspiels wirkte die Erfurterin allerdings etwas spröde. (3 Sätze, 52 Wörter, 372 Zeichen)

Wir lernen aus diesem Beispiel zweierlei.

Erstens: Manchmal ist mehr mehr. Das heißt, manchmal müssen wir mehr Worte machen, um uns verständlich auszudrücken. Zum Beispiel, wenn wir statt Substantiven Verben verwenden möchten.

Zweitens: Oft hapert es bei einem Satz nicht nur an einer Sache. Sprich: komplizierte Sätze lassen sich nicht auf einen Schlag umschreiben. Hilfreich ist es in solchen Fällen, die Probleme vorher zu analysieren.

Und schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass wir es beim Schreiben nicht mit Naturgesetzen zu tun haben. Das heißt, wenn wir etwas umschreiben und verbessern, gibt es normalerweise nicht die eine richtige Lösung, sondern es sind mehrere Varianten denkbar. Je nach Geschmack, Zielgruppe ...

Wer noch mehr darüber lernen möchte, wie man übersichtliche Sätze baut, wird zum Beispieln in diesem Post fündig:

Haben Ihre Texte Bandwurmsätze?

Über die leidigen Substantivierungen habe ich zum Beispiel hier geschrieben:

Kampf der nominalen Verdichtung

Wer noch mehr über gutes und verständliches Schreiben lernen möchte, dem empfehle ich meine Schreibratgeber