Sonntag, 27. Oktober 2013

Wortwiederholungen: Was der Deutschlandfunk von Elmore Leonard lernen kann

Wenn ich die Presseschau des Deutschlandfunks höre, bin ich immer wieder fasziniert davon, wie viele Synonyme (sinnverwandte Wörter) die Redakteure für schreiben und meinen finden.

Da
- glaubt die Zeitung GULF TIMES aus Doha,
- beobachtet die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG,
- gibt die Zeitung POLITIKA aus Belgrad zu bedenken,
- warnt die BILD AM SONNTAG,
- befindet die kanadische Zeitung TORONTO STAR.
(Zitiert aus der Presseschau vom Sonntag, 27. Oktober 2013 08:50 Uhr.)

Es
- klagt EL MUNDO aus Madrid (am 21.10.2013 mittags),
- vermutet NEZAWISSIMAJA GAZETA aus Moskau,
- mutmaßt das NRC HANDELSBLAD aus Rotterdam,
- unterstreicht DIARIO DE NOTICIAS aus Lissabon und das französische Blatt LE JOURNAL DE LA HAUTE MARNE aus Chaumont zeigt sich nicht verwundert (alle am 22.10.2013 mittags).

Außerdem analysieren, resümieren und notieren die Zeitungen, sie mahnen, ergänzen und verlangen und manchmal sind sie auch skeptisch oder aber sich sicher. Und damit ist der Vorrat der in den Sendungen verwendeten Synonyme noch längst nicht erschöpft.

Warum erzähle ich Ihnen das?

Ich habe festgestellt, dass ich so gespannt darauf warte, was den Autoren als Nächstes einfällt, dass ich die eigentlichen Presseberichte oder Kommentare manchmal nur zum Teil mitbekomme, weil ich in Gedanken noch bei der jeweiligen Umschreibung für meinen oder schreiben bin. Das ist kein Wunder, denn unser Gehirn merkt auf, wenn Dinge sich ändern, wenn es etwas Neues wahrzunehmen gibt.

Wenn jedoch Zuhörer wie ich ihre Aufmerksamkeit auf das jeweilige neue Verb richten statt auf die eigentliche Meldung, kann das nicht im Sinne des Erfinders sein. Das heißt mit anderen Worten:

Manchmal sind Wortwiederholungen gut.

Dann nämlich, wenn wir möchten, dass das Gehirn die betreffenden Begriffe gar nicht wahrnimmt, sondern sich auf etwas anderes, Wesentlicheres konzentriert.

Das hat auch Elmore Leonard erkannt, als er in der Regel Nr. 3 seiner berühmten Ten Rules of Writing empfahl:

"Never use a verb other than 'said' to carry dialogue."

Wenn Sie nämlich in Ihrem Roman schreiben: "...", sagte er. Oder: Sie sagte: "...", dann überliest man das und konzentriert sich ganz auf den Dialog.

Ob jemand etwas drohend, fröhlich oder verängstigt von sich gibt, raunt oder klagt, lässt sich im Übrigen oft schon am Zusammenhang oder dem Gesagten selbst erkennen.

Ist das nicht der Fall, kann man meines Erachtens durchaus hin und  wieder von dieser Regel abweichen. Es kann beispielsweise sein, dass jemand die Worte "Aber du hast es mir versprochen" flüstert oder schreit, wütend, verzweifelt, entsetzt, erstaunt, ratlos, überrascht oder traurig sagt.

Eleganter ist es jedoch auch dann -- und vermutlich eher in Leonards Sinn --, beim einfachen "Sagen" zu bleiben -- oder auf diesen Zusatz sogar zu verzichten -- und die Stimmung des Betreffenden durch seine Mimik oder Handlung zu verdeutlichen.

Etwa so:
"Aber du hast es mir versprochen." Tränen traten ihr in die Augen.
Zornig starrte sie ihn an. "Aber du hast es mir versprochen."

Zurück zum Deutschlandfunk. Ich glaube, die Internationale Presseschau würde davon profitieren, sprich: die Zuhörer würden die Meldungen besser aufnehmen, wenn die Redakteure sich beherzt auf einige unauffällige Verben wie schreiben, meinen, erklären und, wenn es passt, meinetwegen fragen beschränkten und sie bei Bedarf innerhalb einer Sendung einmal oder mehrmals wiederholten.

Mehr zum Thema Wortwiederholungen habe ich in diesen Posts geschrieben:
- Wider vermeidbare Wiederholungen
und
- Synonyme sind (oft) keine Lösung.

Und natürlich in meinen Schreibratgebern:
 


Sie können sich nicht entscheiden? Vielleicht helfen Ihnen diese Informationen. Oder diese Leserstimmen.