Dienstag, 28. Mai 2013

Tyrannische Genauigkeit

Diesen Text wollte ich zunächst anders überschreiben, doch der Titel war ein wenig zu lang für einen Blogpost, deshalb hole ich ihn hier nach, denn er triftt besser, was ich sagen will:

The tyranny of precision - oder: Wer über Kompliziertes verständlich schreiben will, wandelt auf einem schmalen Grat

Vor einiger Zeit habe ich im taz-Blog einen interessanten Beitrag entdeckt: Jeder Satz falsch: Kein Bug, sondern Feature! Darin erklärt der Journalist Sebastian Heiser haarklein am Beispiel eines Artikels, warum praktisch alles, was darin steht, genau genommen falsch ist.

Doch er steht dazu, denn, so schreibt er: "Ich sehe ja meine Aufgabe und meine besondere Dienstleistung als Journalist gerade darin, alles so weit wie möglich zu vereinfachen, damit es verständlicher wird." Bei ihm ging es vor allem um juristische Sachverhalte.

Etwas ganz Ähnliches sprach Tyler DeWitt in seinem TED Talk an, in dem er sich damit beschäftigte, wie man Schülern Wissenschaft nahebringen kann. Er sah eine große Gefahr in der "tyranny of precision", also dem Bemühen so genannter echter, ernsthafter Wissenschaftler, bei jeder Aussage alle Ausnahmen und Eventualitäten zu berücksichtigen. S. Tyler DeWitt: Hey science teachers -- make it fun

Dieses Bemühen um Genauigkeit, und dazu gehört auch der präzise Fachjargon, macht Texte für Laien, und nicht nur für diese, unverständlich und langweilig. Was nicht im Sinne der Erfinder beziehungsweise Vermittler sein kann. Denn wenn Menschen die Informationen nicht verstehen oder nicht lesen (mögen), kann man sich das Niederschreiben auch sparen.

Kurz: Als Wissensvermittler oder auch als Experten müssen wir uns, abhängig von Thema und Zielgruppe, jedes Mal aufs Neue bemühen, auf einem schmalen Grat zu balancieren. Nur so kann es gelingen, Menschen für komplizierte Sachverhalte zu interessieren - ohne die Informationen zu sehr zu verfälschen und damit wertlos zu machen.