Mittwoch, 15. Mai 2013

Manchmal ist mehr mehr

In der Regel gilt beim Schreiben: Kürzer ist besser. Es gibt jedoch Ausnahmen, wie dieser Anfang einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zeigt:

Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, das Traumapotential einer Mammakarzinom-Erkrankung zu untersuchen, Prävalenz und Ausgestaltung posttraumatischer Symptomatik im Krankheitsverlauf zu eruieren und den Zusammenhang zu Ängstlichkeit, Depressivität und Lebensqualität aufzuzeigen.

Was auffällt sind die vielen Substantive, einige von ihnen Fremdwörter, die in einem einzigen, langen Satz aneinandergereiht sind. Das macht es dem Leser schwer, denn Sinn zu erfassen.

Streichen wir zunächst überflüssige Wörter bzw. verkürzen wir unnötig lange

Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, das Traumapotential einer Mammakarzinom-Erkrankung zu untersuchen, Prävalenz und Ausgestaltung posttraumatischer Symptomatik im Krankheitsverlauf zu eruieren und den Zusammenhang zu Ängstlichkeit, Depressivität und Lebensqualität aufzuzeigen. 

Nun unterteilen wir den langen Satz und kümmern uns um Substantive und schwierige Wörter:

Diese Studie hatte mehrere Ziele: Sie sollte untersuchen, ob und in welchem Ausmaß ein Mammakarzinom sich traumatisch auswirken kann. Des Weiteren sollte sie die Prävalenz und die Art der posttraumatischen Symptome im Verlauf der Krankheit ermitteln sowie ob es zwischen diesen Symptomen und Ängsten, Depressionen und der Lebensqualität einen Zusammenhang gibt.

Exkurs: Zusammenhänge gibt es normalerweise zwischen, nicht zu. Es geht aus dem ursprünglichen Satz nicht klar hervor, was im letzten Teil gemeint ist: der Zusammenhang zwischen Brustkrebs und Ängstlichkeit usw. oder zwischen posttraumatischen Symptomen und Ängstlichkeit usw. Ich habe mich für Letzteres entschieden.

Noch besser lesbar wäre diese Passage, wenn es die entsprechenden Richtlinien den Autoren erlauben würden, in der Ich- bzw. Wir-Form zu schreiben. Also:

Unsere Studie hatte mehrere Ziele: Wir wollten untersuchen …

Da es sich um den ersten Satz eines Artikels handelt, sollte man besonders einfach anfangen, um die Leser nicht abzuschrecken. Ein leicht verständlicher Satz wie dieser kann Interesse wecken:

Brustkrebs kann Patientinnen seelisch stark belasten. Unsere Studie …

Wendet der Text sich speziell an Fachleute, so müssen die Autoren Begriffe wie Prävalenz verwenden. Wäre er für einen größeren Leserkreis gedacht, würde ich ihn noch weiter überarbeiten. Und zwar so:

Brustkrebs kann Patientinnen seelisch stark belasten. Wir wollten untersuchen, wie und in welchem Ausmaß sich diese Krankheit traumatisch auswirken kann. Außerdem wollten wir wissen, wie häufig so genannte posttraumatischen Symptome sind und wie sie sich äußern, und zwar im gesamten Verlauf der Brustkrebs-Erkrankung. Schließlich interessierte uns: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen seelischen Belastungen und Ängsten und Depressionen? Und inwieweit beeinflusst dies alles die Lebensqualität der Betroffenen? (67 Wörter, 518 Zeichen)

Hier in der Gegenüberstellung noch einmal der Satz, wie er zu Anfang aussah: 

Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, das Traumapotential einer Mammakarzinom-Erkrankung zu untersuchen, Prävalenz und Ausgestaltung posttraumatischer Symptomatik im Krankheitsverlauf zu eruieren und den Zusammenhang zu Ängstlichkeit, Depressivität und Lebensqualität aufzuzeigen. (30 Wörter, 281 Zeichen)

Fazit: Manchmal muss man mehr Worte machen, um den Lesern Zusammenhänge zu verdeutlichen. Denn wenn Sie etwas sehr gedrängt und mit vielen Substantiven formulieren, leidet darunter möglicherweise die Klarheit.