Dienstag, 21. Mai 2013

Manchmal ist mehr mehr, die Zweite

Wenn man sehr viele Substantive verwendet (Fachleute sprechen von nominaler Verdichtung), führt das dazu, dass ein Text schwer lesbar wird. Ein Satz ist dann möglicherweise relativ kurz, es ist aber schwierig, den Sinn zu erfassen. Das habe ich bereits hier beschreiben und auch an einem Beispiel in einem vorherigen Post gezeigt.

Schauen wir uns ein weiteres Beispiel an:

Das praktische Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der normativen Annahme, dass demokratische Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird.

Fangen wir mit der guten Nachricht an: Bei diesem Satz aus einer Veranstaltungsankündigung ist die Länge kein Problem. Subjekt und Prädikat sind nicht durch viele Wörter getrennt, sondern stehen dicht beieinander:

Das praktische Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der normativen Annahme, dass demokratische Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird.

Zwar setzt der Satz sich aus einem Hauptsatz und zwei Nebensätzen zusammen. Da der Aufbau aber nicht verschachtelt, sondern linear ist, ist das ebenfalls kein Problem. Was meine ich mit linear? Der Hauptsatz endet, ehe der erste Nebensatz beginnt, und auf diesen folgt dann der zweite Nebensatz.

Das praktische Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der normativen Annahme, dass demokratische Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird.

Trotzdem ist der Satz alles andere als leicht verständlich. Das liegt an den vielen langen Substantiven und an den Fremdwörtern. Außerdem mindern Wortwiederholungen die Lesbarkeit.

Schauen wir zunächst, ob wir etwas streichen können. Dabei sollten wir bedenken, dass es sich um eine Ankündigung handelt, die die Leser neugierig machen soll, und nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung.

Das praktische Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der normativen Annahme, dass demokratische Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird.

So sieht der verschlankte Satz aus:

Das Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der Annahme, dass Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird.

Besser, aber immer noch nicht auf Anhieb verständlich. Versuchen wir eine Übersetzung:

Der Workshop beschäftigt sich mit der Frage, wie sich demokratische Diskussionen fördern lassen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Politik besser wird, wenn man die Bürger in Entscheidungen mit* einbezieht.

Das Problem bei solchen Übersetzungen: Es ist nicht immer klar, was die Autoren gemeint haben. Zum Beispiel mit Bezugsproblem und mit deliberativ. Das bedeutet für uns als Schreibende wiederum, dass wir uns so einfach wie möglich ausdrücken und auf Formeln (Bezugsproblem) und unübliche Fremdwörter (deliberativ) verzichten sollten. Denn sonst besteht die Gefahr, dass Leser etwas falsch verstehen.

Hier noch einmal die beiden Versionen im Vergleich:

Das praktische Bezugsproblem des Workshops ist die Förderung der demokratischen Diskussion unter der normativen Annahme, dass demokratische Politik besser wird, wenn sie deliberativer wird. (24 Wörter)

Der Workshop beschäftigt sich mit der Frage, wie sich demokratische Diskussionen fördern lassen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Politik besser wird, wenn man die Bürger in Entscheidungen mit einbezieht. (30 Wörter)

* Streng genommen ist dieses mit überflüssig. Viele Menschen sind jedoch an die Formulierung mit einbeziehen so gewöhnt, dass es sie stören und den Lesefluss unterbrechen würde, wenn ich auf dieses Wörtchen verzichtet hätte.