Dienstag, 13. März 2012

Keine Angst vorm Schreiben: 8. Strukturiert prokrastinieren

1996 schrieb der Philosophieprofessor John Perry einen Essay, der Furore machte: How to Procrastinate and Still Get Things Done. Wie es sich für einen Philosophen gehört, hat er zum Thema "Schreibblockaden überwinden" mit einem Augenzwinkern eine elegante Theorie entwickelt: das strukturierte Aufschieben (Structured Procrastination).

Ihm war nämlich aufgefallen, dass er, wenn er prokrastiniert, gewöhnlich nicht nichts tut (können Sie noch folgen?), sondern nur etwas, das in dem Moment gar nicht ansteht. So ist, das schreibt er wenigstens, auch der betreffende Essay entstanden. Eigentlich hatte er den schon früher schreiben wollen, tat es jedoch erst, als andere, wichtigere Dinge auf seiner To-Do-Liste standen: etwa Studentenarbeiten zensieren und Entwürfe für Dissertationen lesen.

Perry empfiehlt, eine Liste anzulegen mit Dingen, die man erledigen muss, von den wichtigsten bis zu den unwichtigsten. Wenn man die Punkte oben in der Aufstellung aufschiebt, indem man die abarbeitet, die weiter unten stehen, kann man - wie er - den Ruf erwerben, eine Menge getan zu bekommen, schreibt der Philosoph selbstironisch.

Weil die dringlichen Angelegenheiten oben auf der Liste irgendwann durch noch wichtigere abgelöst werden und sozusagen die Liste hinunterrutschen, kommt irgendwann auch ihre Zeit.

Beim Festlegen des Rangs, den einzelne Aufgaben auf der Liste einnehmen, geht es nicht ohne ein wenig Selbstbetrug, damit die Dinge nicht aus dem Ruder laufen und man zum Beispiel eine Deadline versäumt. Aber wie heißt es so schön? Whatever works.

Ein ähnliches Vorgehen, das allerdings ohne eine hierarchische Liste auskommt, beschreibe ich in meinem Post An mehreren Projekten arbeiten.

Wenn Sie glauben, dass strukturiertes Prokrastinieren Ihnen helfen kann, Schreibhemmungen zu überwinden, probieren Sie's aus. Professor Perry hat sein humorvoller Essay, mit dessen Schreiben er sich vor wichtigeren Aufgaben gedrückt hat, übrigens 2011 einen so genannten Ig Nobel Prize eingebracht, und zwar für Literatur. Diese Preise sind ironisch gemeinte Auszeichnungen, die die Universität Harvard für skurrile wissenschaftliche Arbeiten verleiht. Wenn das nicht ein Beweis für den Nutzen strukturierten Prokrastinierens ist, was dann?

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Weitere Posts zum Thema finden Sie hier:

Die Schreibangst überwinden

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