Donnerstag, 25. August 2011

Texte überarbeiten: Fragen an Betaleser

Das kennt jeder Autor, der längere Zeit an einem Text arbeitet: Irgendwann nimmt man überhaupt nicht mehr wahr, was genau da auf dem Papier oder Bildschirm steht.

Da hilft nur, das Geschriebene einige Tage ruhen zu lassen oder besser noch jemand anderen zu bitten, es sich einmal anzuschauen. Und zwar am besten eine Person (oder mehrere) aus der Zielgruppe - und nicht die Mutter oder Freunde, es sei denn sie gehören zu dem Kreis, für den das Buch oder der Artikel gedacht ist.

Wenn die Kommentare dieser Betaleser nützlich sein sollen, bringt es wenig zu fragen, ob oder wie ihnen der Text gefällt. Selbst wenn sie wider Erwarten ehrlich antworten: Was soll man mit Antworten wie "gut" oder "geht so" anfangen?

Was Sie wissen wollen, ist, wo die Schwachstellen sind.

Bei Sachtexten können Sie zum Beispiel fragen:
War irgendetwas unverständlich?
War irgendeine Stelle anstrengend zu lesen?
Ist der Leser irgendwo "ausgestiegen"? (Das ist zum Beispiel bei Bandwurmsätzen und einer Anhäufung von Fremdwörtern schnell der Fall.)
War etwas langweilig, weil zu einfach oder schon hinreichend bekannt?
Bei fiktionalen Stoffen (in meinem Fall Krimis) möchte man als Autor auch noch andere Dinge wissen. Kürzlich haben sich mehrere nette Menschen bereit erklärt, das Manuskript meines ersten Romans, des Thrillers "Ohne Skrupel", zu lesen und mir zu sagen, was sie davon halten. (Alle sind natürlich Krimifans.)

Hier die Fragen, die ich für sie notiert habe:
Was ist langweilig?
Was unverständlich?
Was zu lang (overwritten), was zu kurz (underwritten)?
Gibt es irgendwo einen Fehler, Widersprüche?
Anmerkungen zu Figuren?
War etwas zu vorhersehbar?
Zu kompliziert?
Wo warst du besonders gespannt, wie’s weitergeht?
Die Kapitellänge ist im Moment noch uneinheitlich: Was ist besser: eher längere Kapitel, wie zu Anfang, oder recht kurze Kapitel wie v. a. gegen Ende?
Allgemein: Was hat dir besonders gut gefallen?
Was hat dir nicht gefallen?
Welche Bezeichnung passt besser: Thriller oder Krimi?
Würde dich ein Büchlein (10 bis 20 Seiten) über die wahren Hintergründe, über die Fakten interessieren?
Erinnert das Buch an irgendwelche anderen AutorInnen?
Irgendwelche anderen Gedanken, zum Titel oder was auch immer?
Tippfehler etc. sind nicht so wichtig (die habe ich noch nicht durchgehend korrigiert), aber falls dir etwas auffällt, ist ein Hinweis natürlich willkommen
Eine ziemlich lange Liste. Wie leicht zu erkennen, ist manches für mein Buch spezifisch. Alle Fragen in diesem Post sollen Ihnen in erster Linie als Anregung dienen. Außerdem habe ich auch nach Dingen gefragt, die den Lesern gefallen (das ist für das nächste Buch wichtig, nicht so sehr für das aktuelle Manuskript).

Beide Listen zeigen: Was einen Autor in erster Linie interessieren sollte, ist, wo es Probleme gibt. Denn letztlich schreiben wir nicht für uns - wie im Tagebuch -, sondern für unsere Leser. Die sollen es verstehen, denen soll es gefallen. Lösungsvorschläge sind weniger wichtig. Dafür ist der Leser vielleicht nicht kompetent genug (weil er nicht so viel über die Materie oder auch übers Schreiben weiß.)

Last, but not least: Bitte denken Sie dran, sich angemessen zu bedanken. Betaleser opfern Lebenszeit, um uns zu helfen. Ich habe meinen Fragen außerdem diese Passage vorangestellt:
Liebe Betaleser ;-)
Ganz herzlichen Dank! Bitte fühlt euch nicht erschlagen von dem langen Manuskript. Ich bin für jede Art von Anregungen dankbar. Auch wenn ihr nur einen Teil lest, oder das Ganze nur querlest.
Dinge, die mich interessieren/Fragen (nur als Anregung, einfach das beantworten, wozu euch etwas einfällt): ...
So oder so: Writing is rewriting. Betaleser können uns sagen, wo eine Überarbeitung nötig ist.